
Es gehört zum Selbstverständnis vieler Kunsthistoriker*innen Teil einer kritischen Wissenschaft zu sein. Nachgefragt, was genau damit gemeint sein könnte, wird gerne auf die historische Ideologiekritik nach 1968 verwiesen. Ideologiekritik der Kunstgeschichte ist eine genealogische Rekonstruktion der institutionellen und gesellschaftlichen Relationen, Wissensordnungen, Sprecher*innenpositionen, Aussagemodalitäten und Handlungsoptionen, die zu diesem Selbstverständnis im Nachkriegskontext der BRD führten.
Die kanonischen Positionen der „kritischen Kunstgeschichte“ Martin Warnkes und des Ulmer Vereins sowie die „radikale Kunstgeschichte“ Otto-Karl Werkmeisters werden in Relation zur „nichtidentischen Kunstgeschichte“ von Peter Gorsen, aber auch den Einsätzen von Irene Below, Max Imdahl, Werner Hoffmann, Hans Sedlmayer und Theodor W. Adorno neu konstelliert. So wird das Ringen um ein kritisches Selbstverständnis wieder sichtbar gemacht, das bei Weitem nicht homogen und konfliktfrei ist.
Das Buch macht die Pluralität wissenschaftlicher Praxis stark, fokussiert auf Einwände und Reformulierungen, um Zugänge für eine aktuelle Kritik zu öffnen. Es übt selbst Ideologiekritik, indem es epistemische Kritik, Institutionskritik und emanzipatorisches Wissen reflektiert, denn diese müssen immer wieder neu und überzeugend verbunden werden, um der Entleerung des Begriffs der Kritik entgegenzuwirken.